Lehrstoff für Trainer und Übungsleiter zum Thema Würgetechniken

Anatomische Grundkenntnisse.

Die Synkope.

Einleitung: Ein paar Jahre nach der Gründung des Kodokan hat Kano Jigoro diesen schönen Satz ironisch über sich selbst gesagt:

„Unter Ihnen gibt es sicherlich einige Kritiker die sagen-“Obwohl der Sprecher selbst ein Meister im Range eines shihan im Judo ist, warum spricht er dann so ungeschickt“? Diesen möchte ich entgegegenhalten, daß ich eigentlich noch schlechter spreche, aber durch das Judo-Training schon Fortschritte  gemacht habe“.

Diese Worte Kano´s deute ich so: Mein Beitrag kann Fehler im Ausdruck und kleine  Ungenauigkeiten in medizinischen Details enthalten, die bitte ich zu entschuldigen. Hätte ich diesen Beitrag gesprochen dann wäre es schlimmer gekommen. Sich mit Judo zu befassen heißt auch sich mit der Theorie und mit den geistigen Werten zu befassen. (besonders bei Dan-Prüfungen kommen diese Werte viel zu kurz).

Jigoro Kano`s Werte:
Um sein Judo seinen Vorstellungen entsprechend auszurichten formulierte er fünf Grundregeln mit den entsprechenden Zielen die auch heute noch ihre Gültigkeit haben sollten:

Zu diesen fünf tragenden Säulen des Judo gehören:

  1. traditionell der Formenlauf (Kata)
  2. der Übungskampf in seinen unterschiedlichen Formen (Randori, Shobu und Shiai)
  3. der Lehrvortrag (Kogi)
  4. das Lehrgespräch (Mondo)
  5. die Selbstverteidigung (Jiei)

Die von Kano definierten Ziele des Judo waren:

  1. die körperliche Fitness zu stärken
  2. die charakterliche Formung des Judosport treibenden Menschen im Sinne der Entwicklung einer Verantwortung für die Gesellschaft
  3. und die Verbesserung des Selbstbewußtseins durch die Fähigkeit sich und andere durch die Selbstverteidigung zu schützen.

Um schwere Verletzungen zu vermeiden (damals gab es durchaus auch Tote bei Kämpfen) entfernte er viele zu gefährliche Techniken. Würgegriffe wurden weiterhin belassen. Sie erfordern Sachkenntnis, Fairness und Verantwortungsbewußtsein denn sie können schwere körperliche Schäden am Gegner verursachen. Laut Statistik sind durch diese Techniken noch nie Kämpfer zu Tode gekommen. Mag stimmen oder auch nicht, Spätfolgen registriert man nicht oder  bringt sie nicht mit der eigentlichen Ursache in Verbindung.

Von daher erscheint es mir wichtig dieses Thema im Rahmen einer Ausarbeitung zu erläutern und gleichzeitig an Kanos Ziele unter Punkt 2 und 3 zu erinnern.

Nur in der Kenntnis dessen was man tut, kann man sein Verantwortungsbewußtsein zeigen.

Was geschieht beim Abwürgen der Blutzufuhr zum Gehirn, beim Abwürgen  der Luftzufuhr/Atmung und beim Zusammenpressen der Rippen?

Grundwissen:

Was Schulkinder  bereits lernen ist in einfachen Formulierungen zusammengefasst folgendes:

Wir Menschen haben zwei Blutkreisläufe: den Körperkreislauf und den Lungenkreislauf. Beide werden durch die Pumpleistung unseres Herzens bedient. Unser Blut wird in der Lunge mit lebenswichtigem Sauerstoff angereichert während das giftige Kohlendioxid ausgeschieden wird. Das Herz pumpt das mit Sauerstoff angereicherte Blut durch den Körperkreislauf  an alle unsere Organe. Unser Gehirn verbraucht  dabei mehr als ein Fünftel des Sauerstoffes im Blut. Die Hauptversorgungsleitung für Blut mit 2,5 bis 4cm Durchmesser  ist die Aorta. Sie entspringt der linken Herzkammer mit dem Aortenbogen nach oben und verzweigt sich mehrfach bis sie sich im unteren Bauchraum in viele Adern aufteilt. Alle Arterien entspringen dieser Hauptversorgungsader unseres Körpers.

Was man als Kampfsportausbilder, Budolehrer, Trainer, Übungsleiter oder Dan-Träger vermitteln können sollte:

Unser Gehirn wird von 4 Arterien mit Blut versorgt: Den Wirbelarterien (Arteria vertebralis) und den Halsschlagadern. Beide verlaufen wie fast alle Arterien paarig im Körper. Wichtig für uns sind die Halsschlagadern, die Karotiden, da diese die Hauptversorgungsleitungen unseres Gehirnes sind. An die Wirbelarterie käme man alleine durch Würgen sowieso nicht ran da sie im Halsbereich innerhalb der Wirbelkörper verlaufen. Die Vertebralis ist sozusagen die Notversorgungsleitung die aber oft nicht ausreichenden Durchfluß hat und es dann bei Verschluß der Karotiden durch Plaques oder das Abwürgen zu lebensbedrohlichen Problemen führen kann.

Für einige Würgetechniken sind die Halsschlagadern, die Karotiden, maßgebend.

Als Karotiden bezeichnet man die Blutgefäße, die im Latein „Arteria carotis communis“, abgekürzt ACC,  im deutschen Sprachgebrauch als „gemeinsame Halsschlagader“genannt werden. Diese zwei Halsschlagadern entspringen,“weitläufig bezeichnet“, dem Aortenbogen, welche jeweils eine  nach oben hin links- und rechtsseitig am Hals entlang zwischen Kehle und Halswendemuskel, dem Drosselkanal, verlaufen und  sich in Höhe des 4.Halswirbels, leicht oberhalb des Kehlkopfes  in zwei weitere Blutbahnen aufteilen: die Arteria carotis externa (ACE) und die Arteria carotis interna (ACI). Die ACE versorgt die äußeren Gefäße des Kopfes und die ACI die Gehirnbereiche wie das Herz-Kreislaufzentrum des Gehirns. Zwischen beiden bestehen viele Verbindungen. Die Stelle der Teilung der ACC in die ACE  und in die tiefer liegende ACI wäre exakt die Stelle um mit Druck (auch mittels Schlag) auf diese eine Bewußtlosigkeit des Gegners zu erzeugen. Mit dem Abdrücken einer Seite, es ist gleich ob links oder rechts, sowie durch das automatische mitabdrücken der Jugularvenen (Drosselvene in der das Blut vom Gehirn abfließt) wird der Karotissinusreflex ausgelöst. Der Blutzufluß und damit die Sauerstoff-und Glucosezufuhr zum Herz-Kreislaufzentrum des Gehirns wird unterbrochen. Die am Ursprung der ACI befindlichen Druckrezeptoren, auch Presso-oder Barorezeptoren genannt, der Sinus caroticus, als Wächter über den Blutdruck, sowie der Chemorezeptor, Glomus caroticum, er überwacht den PH-Wert, den Sauerstoff- und den Kohlendioxidgehalt des Blutes, melden dem Herz-Kreislaufzentrum die  Blutwerte, hier den veränderten abfallenden Blutdruck mit der Folge einer Sauerstoff-und Glucoseunterversorgung. Der steuernde Rachen/Zungennerv reagiert darauf und es weiten sich die unteren Venen und alles Blut sackt in die unteren Organe. Durch die Unterversorgung des Gehirns tritt die Bewußtlosigkeit (Synkope) ein.  Bei einer Unterbindung der Blutzufuhr reichen 10 Sekunden bei einer Zugkraft von 5kg bis zum Eintritt der Bewußtlosigkeit. Beim Unterbinden der Luftzufuhr müssen dagegen 30kg Kraft aufgebracht werden. Alles natürlich in Relation zur Halsmuskulatur des Gewürgten. Oft wird der Erleidende nach wenigen Sekunden wieder von selbst wach. Darauf darf sich der Kampfsportler aber nicht verlassen. Das Mindeste was man machen kann ist, dem Betroffenen die Beine hochzulegen, damit das Blut wieder in Richtung Kopf läuft. Nach 20 Sekunden  Synkope,  Atemstillstand und kein Puls mehr fühlbar, sollte sofort mit der Wiederbelebung mit Herzdruckmassage oder mittels Defibrillator begonnen werden, denn dann handelt es sich möglicherweise um schlimmeres als die bekannte Bewußtlosigkeit. Das Hochlegen der Beine kann dann genau verkehrt sein. Deshalb sofort 112 , den Notruf wählen. (Das Suchen und Fühlen des Pulses hält den Laien häufig nur auf, darum lieber gleich mit der Herzdruckmassage beginnen). Wichtig für den Notfall zu wissen ist: nach 2-3 Minuten sterben bereits Gehirnzellen ab und nach 10 Minuten tritt der Hirntod ein!!

Bei Menschen die am Karotissinussyndrom leiden genügt oft schon der Druck eines zu eng geknöpften Hemdes, das Verdrehen des Kopfes oder nur ein schwacher Druck auf die Rezeptoren um die Bewußtlosigkeit auszulösen. Das hat mit Abwürgen nichts mehr zu tun, hier liegt eine medizinisch zu behandelnde Erkrankung vor.

Wer sich mit diesem Themenkomplex genauer beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Deutsche Zeitung für Sportmedizin Jahrgang 50 Nr.5 ! Insbesondere findet man hier auch Hinweise auf die Rolle der Arteria vertebralis.

Für den Wettkampf zeigt sich hier eine interessante Möglichkeit den Kampf schneller zum Ende zu bringen: Folgendes läuft ab: Der Gewürgte befreit sich bevor er bewußtlos wird, war aber schon einige Sekunden in der Klemme. Es haben sich Streßhormone und eine Bradykardie (eine langsame Herztätigkeit), und auch Flimmern vor den Augen entwickelt. Er ist benommen und nicht voll reaktionsfähig. Die nächsten 20 Sekunden sollte der Angreifer nutzen um mit einer Technik zum Ziel zu kommen. Klingt rücksichtslos, es liegt aber in der Entscheidung des Gewürgten bzw des Kampfrichters ob der Kampf weiter geht oder aufgegeben wird. Wenn der Kari den Kampf wegen der vermeintlichen Schädigung abbricht dann ist der Kampf für den Gewürgten verloren und möglicherweise auch  das komplette Turnier. Nach einer Bewußtlosigkeit darf lt. Regelwerk am gleichen Tag nicht weiter gekämpft werden. Aus der Sicht des Gewürgten wäre zu empfehlen sich so zu verhalten das der Kampfbeginn durch den Kampfrichter verzögert wird. Die ersten 20 Sekunden sind dafür entscheidend. Dazu gibt es genügend Tricks. Das kann natürlich auch zu einer Verwarnung führen. 

In der Kampfrichterschulung sollte noch mehr Wert auf das Erkennen solcher Merkmale gelegt werden.

Was geschieht beim Unterbinden der Luftzufuhr?

Angenommene Situation wäre folgende:  Der Gegner zieht das Revers quer über die Membran oberhalb des Schildknorpels (Kehlkopf) mit Tsuki-komi-jime. Die brutalere schmerzhaftere Variante wäre , wenn der Jackenkragen über die Luftröhre gezogen würde und dabei die Knorpelringe oder der Kehlkopf eingedrückt werden würde. Eine erhebliche gesundheitliche Schädigung wäre die Folge. Die Atemmöglichkeit ist bei beiden Varianten damit unterbrochen.

Das, über die Drosselvene und alle anderen kleineren Halsvenen,  in den Lungenkreislauf zurück fließende Blut (Blut mit hohem CO2-Anteil) kann an den Lungenbläschen

keinen Sauerstoff aufnehmen da keine neue Luft in die Lunge gelangt. Der Gasaustausch findet nicht statt. Das Herz, dem eigentlich das frische O2 reiche, CO2 freie Blut zugeführt werden soll, pumpt nur noch das immer  O2 ärmer werdende Blut des Körperkreislaufes zum Gehirn. Die Herzfrequenz sinkt und damit auch der Blutdruck. In Folge dessen wird genau wie beim direkten Abdrücken der Karotiden durch die Rezeptoren der Arterien, hier auch durch die Rezeptoren in der Aorta, die Synkope ausgelöst.

Eine im Judo-Kampfsport nicht angewandte Technik der Atemunterbindung ist das Zusammenpressen des Oberkörpers. Man erreicht den gleichen Effekt auch durch eine etwas andere Lage im Kesa-gatame. Man drückt auf die untere Rippenpartie und verhindert damit die Bewegung des Diapragma. Rippen und Zwerchfell sind die entscheidenden Körperteile die den Atemreflex  am Laufen halten. Diese Technik (das reine Umklammern von hinten) ist nicht im Lehrprogramm des Judo enthalten und wohl eher etwas für den Freistil. Wirkungsvoll ist diese Technik gerade im Moment der Ausatmung. Es ist dabei gerade ein Unterdruck zwischen Zwerchfell und Zwischenrippenmuskulatur entstanden bei dem die Atemluft ausgestoßen wird. Durch den Preßdruck wird das Einatmen verhindert. Es kommt zum gleichen Symptom wie beim Abdrücken der Halsschlagadern.

Wo ist die effektivste Stelle für Luftabwürgetechniken? 

Gilt natürlich nur für den sportlichen Wettkampf: Oberhalb des Kehlkopfes!

Welche Techniken sind speziell für das Abdrücken der Karotiden geeignet?

7.)  Ryote-jime
       Maki-komi-jime
       Gyaku-Juji-Jime

In der Realität kann die Wirkweise oft nicht exakt getrennt werden, da je nach Lage des Uke, Faßart Zug-oder Druckrichtung des Tori die eine oder andere Wirkung zuerst eintritt. Normalerweise wirkt der direkte Druck auf die Karotiden am schnellsten. Alle hier beschriebenen Details sind keine Anleitung für in jugendlichem Übermut und Unkenntnis der Folgen praktizierte Ohnmachtsspiele. Als Verfasser hafte ich nicht für Schäden