Etwas Judogeschichte:

Die Entwicklung des Systems der Graduierung in den japanischen Kampfkünsten

 

Einige Bemerkungen vorweg: Dieser Beitrag soll kein Aufsatz über die Entstehung der Kampfkünste in irgend  einem Land oder Erdteil sein.

 „Kampfkünste“ gibt es schon seit Menschengedenken auf fast allen Erdteilen unserer Welt. Sie haben sich hier mehr und dort weniger aus physischen Auseinandersetzungen von Menschen um des Überlebenswillens entwickelt.  Um kämpferische Vorteile zu erhalten, haben sie Techniken entwickelt, die sich auf allen Erdteilen in etwa ähnlich sein mussten. Dazu trug sicher auch die Vermischung der Techniken durch die nomadisierende Bevölkerung bei. Und in besonders kriegerischen Gebieten machte die Fähigkeit im Kampf auf Leben und Tod überleben zu können, natürlich besonderen Sinn. In Ländern mit Hochkulturen wie China entwickelten sich diese Fähigkeiten sehr gut, von wo aus sie auch ihren Weg nach Japan fanden. Durch die Abgeschlossenheit Japans über fast 230 Jahre (Sakoku von 1639-1868) bildeten sich dort sehr spezielle Kampfkünste heraus.

Geschichte:

Als klassische japanische Kampfkünste bezeichnet man die in der Zeit vom 8.Jahrhundert bis zum Jahr 1868 entstandenen Kampfkünste. Diese Kampfkunstschulen (Ryu) waren weder stilistisch noch wirtschaftlich oder organisatorisch geeint. Und davon gab es im feudalen Japan  ca 170 Stück.

Die Ausbildung, die Stilrichtung, die Techniken wurden streng geheim gehalten. Dazu benutzte man sogar Geheimsprachen und besondere Zeichen um die Techniken keinem anderen als dem auserwählten Kreis der vom Meister akzeptierten Schüler zu vermitteln (Okuden=die geheimen Lehren). In einem sogenannten Rollbuch , jap. Makimono, wurden die Techniken aufgeschrieben und gut verwahrt.  Diese Kampfkünste bezeichnet man mit dem Überbegriff Koryu-bujutsu. Da in diesen Zeiten höchster Wert auf Rangfolgen sogar innerhalb der schon standesmäßig verschiedenen Kasten gelegt wurde, wurde auch in den Ryu, den Schulen, eine von China übernommene Rangordnung verwendet- das Menkyo.

 Der Ranghöchste der Schule war der Meister, der Stilbegründer oder Inhaber der Schule. Dieser vergab eine Schriftrolle, Densho genannt, an seine Schüler in der ihr Leistungsstand niedergeschrieben wurde. Die höchste Auszeichnung, das Menkyo-kaiden, verlieh der Meister nur einmal in seinem Leben und nur an den eigenen Nachfolger.

 Die Graduierungen des Menkyo wurden nach strengen Prüfungen, je nach Ryu, drei bis fünf mal im Leben eines Schülers, vergeben.

Die erste Densho bekam man erst nach bis zu 8 Jahren intensiven Trainings, und die bedeutete weiter nichts als die Erlaubnis nun in die Geheimnisse der Kampfkünste wirklich einzusteigen. Diese Stufe, Oku-iri genannt, war der Beginn des Weges zur Ausbildung. Erst ab der zweiten Stufe, dem Mokuroku, ein Register der Ryu, in welches der Schüler (Deshi) namentlich eingetragen wurde, wurde er auch mit Namen angesprochen. Vorher war er ein „Nichts“. Da sich die Stufe des Mokuroku ein weiteres Mal in Shomokuroku und in Gomokuroku unterteilte, vergingen bis dahin wieder mindestens 8 Jahre intensiven Trainings unter direkter Anleitung des Meisters.

Die dritte Stufe nannte man das Menkyo, was einer Lehrlizenz entsprach. Bis dahin musste der Deshi schon 20-25 Jahre Training in der Schule des Meisters absolviert haben. Unter intensiven Training versteht man zu dieser Zeit 10-12 Stunden am Tag und das jeden Tag .

Nach etwa 30 Jahren erreichte man die höchste Stufe, das Menkyo-kaiden. Und diese Stufe wurde eben nur einmal vergeben, folglich konnte sie nur der Beste erreichen. Der auserwählte Schüler erhielt vom Meister die Makimono, die Schriftrolle auf der alle Kriegskünste dieser Schule niedergeschrieben waren.                                                                                                                                           

Im Jahr 1876 wurde das Tragen von Tanto und Katana verboten und damit dem Stand der Samurai  der Todesstoß versetzt. Das Lernen der Kampfkünste  wurde nicht mehr als  Notwendigkeit erachtet. Die Meisten der Schulen mussten dadurch schließen. Schusswaffen und westliche Einflüsse in das bis dahin verschlossene Japan ließen die Kampfkünste fast vergessen, wenn nicht besonders ein Mann,

Jigoro Kano, 1860-1938, der zu der Zeit gerade 16 Jahre alt war, nicht diesen Enthusiasmus aufgebracht hätte, und aus den Techniken mehrerer Ryu das Judo entwickelt hätte. Bereits 1877 schrieb sich Kano in die Tenjin Shinyo ryu ein. Im Jahr 1883 jedoch gelang es diesem Jigoro Kano, durch seinen Trainingsfleiß, seine Begabung und seine intensiven vorangegangenen Studien der Kampfkünste, insbesondere dem Jujutsu, nach nur 2 Jahren des Jujutsu-Studiums an der Kito-ryu von Meister Tsunetoshi Iikubo die Lizenz Menkyo kaiden, zu erhalten. Somit war er berechtigt das Jujutsu der Kito-ryu zu lehren. (Dieses Thema ist eine eigene Ausarbeitung wert, es gibt sehr viel darüber zu lesen, und deshalb soll hier, um bei der Sache zu bleiben, nicht weiter darauf eingegangen werden.). Ein Jahr zuvor, also bereits mit 22 Jahren , 1882, gründete dieser Jigoro Kano seine eigene Kampfkunstschule, die er KODOKAN nannte (Halle zum Studium des Weges). Deshalb spricht man heute vom Kodokan-Judo. Der Einfluß beider Schulen war prägend für Kanos Ryu ha im Judo. 

Kanos Änderungen des Graduierungssystemes:

Um seine Ausbildungsmethoden, seine Techniken, die ja nun aus mehreren verschiedenen Schulen an denen er studiert hatte kamen, somit seinen kompletten eigenen Stil vom Koryu-bujutsu abzugrenzen, entwickelte Kano ein eigenes Graduierungssystem, sein Kyu-Dan-System. Er unterschied zuerst einmal in Nichtgraduierte und in Graduierte, Mudansha und Yudansha. Die Mudansha wurden durch zwei unterschiedliche Gürtel gekennzeichnet. Zur Unterscheidung der Unterrichtsstufen, des technischen Fortschrittes in ihrer Ausbildung, teilte er seine Schüler in Kyu (Klasse) ein. Die Bezeichnung „Kyu“ steht damit sinngemäß  wie die Klasse, z.B. einer hohen staatlichen oder militärischen Auszeichnung 1. Klasse, 2. Klasse, usw  gleich. Die 6. Klasse (6.Kyu) war die Schlechteste und die 1. Klasse (1.Kyu) war (und ist es auch heute noch) die Beste unter den „Mudansha“, den Nichtgraduierten! Damit ist eigentlich  klar ausgedrückt, das es sich bei den Kyu-Einteilungen nicht um Graduierungen handelt, zumindest war dies zu Kanos Zeiten so zu sehen. Diese Klasseneinteilung hatte nur den Sinn viele Schüler gleichzeitig  in den gleichen Techniken auszubilden. Etwa nach dem Motto: Gleicher technischer Leistungsstand= gleiche Trainingsgruppe, denn jeder Trainer weiß wie schwer es ist, verschiedene Gürtelstufen  in einer Trainingsgruppe effektiv auszubilden.  Später, nach Kanos Tod und der Einführung der verschiedenen Farben der Gürtel muß man wohl von Graduierung sprechen.

Die zwei unterschiedlichen Gürtel der Mudansha waren Weiß für den 6.; 5.und 4. Kyu und Braun für den 3.;2. und 1.Kyu. Als Ausbildungsgrundlage schuf Kano ein System von damals

42 Würfen, unterteilt in 5 Stufen. Diese Stufen oder Gruppen nennt man „Kyo“. Die erste Stufe mit 7 Techniken  heißt demnach „1.Kyo“, dem folgt eine Steigerung  in der 2.Gruppe

(2.Kyo) usw bis zum 5.Kyo mit damals 11 Würfen. Die Einteilung in 5 Gruppen wird

Gokyo genannt (go=5; kyo= Gruppe). 1920 änderte man die Gokyo in der Reihenfolge und reduzierte auf 40 Würfe- nicht durch Wegfall sondern durch Austausch und Hinzufügen.

 Die Kyu-Gokyo no waza (alte Gokyo) wurde  jetzt als Shin-Gokyo no waza (Technik der 5 neuen Lehrgruppen) bezeichnet.

Dies zum Unterschied der Worte Kyu und Kyo.

Die heute gültige Gokyo wird häufig immer noch wie vor 80 Jahren als  Gokyo no kaisetsu bezeichnet und ist mit der Shin-Gokyo no waza identisch, obwohl diese Bezeichnung eigentlich falsch ist.  Kaisetsu heißt „Erläuterung“ und genau diese ist auf keinem Blatt abgedruckt, es sind immer noch nur Fotos zu sehen. Richtig wäre einfach nur „Gokyo no waza“ oder einfach „Gokyo“.

Auf die Mudansha  folgen nun die Yudansha, die Graduierten, die Kano durch die schwarzen Gürtel kennzeichnete. Yudansha  bedeutet aber auch „fortgeschrittener Schüler“. D.h. mit anderen Worten, man ist auch als Träger des 1.Dan immer noch Schüler und noch lange kein Meister. Durch eine lange und schwierige Ausbildung mit Prüfungen konnte man bis zum Kodansha aufsteigen, die dem 5. bis 10.Dan entsprachen. Erst jetzt war man kein Schüler mehr, man war Lehrer (Renshi, Kyoshi oder Hanshi). Diese Titel kommen einer Professur gleich und werden auch so verstanden. Renshi ist die niedrigste der 3 Lehrlizenzen, die man ab dem 5.Dan erhalten kann. Darauf, nach 10 Jahren als Renshi, folgt die 2. Lehrlizenz Kyoshi (mindestens 7.Dan)und nach weiteren 15 Jahren als Kyoshi erhielt man die höchste Lehrlizens Hanshi . Der 8. bis 10.Dan war die Mindestanforderung.

Der Titel Shihan ist im Kodokan-Judo auf den Stilbegründer  Kano begrenzt.

1935 ehrte Kano seinen Mitstreiter der ersten Stunde Yamashita, Yoshitsugu posthum mit dem 10.Dan. Ab 1930 kennzeichnete man die Träger des 6.; 7. , 8.und 9. Dan  mit dem rot-weißen Gürtel. Der 10. Dan war rot. Später wurde der 9.Dan auch rot. Kano selbst hatte keinen Dan-Grad. Wozu auch. Als Stilbegründer konnte er sich selbst nicht mit einem Dan-Grad befördern, denn damit hätte er sich nach oben hin begrenzt. Zu seiner Lebzeit nahm nur er selbst die Dan-Graduierungen vor, und da er bis zu seinem Tod nur 3 x den 10. Dan verliehen hatte, wird diese Obergrenze aus Achtung vor ihm als höchster zu verleihender Grad gesehen, obwohl Kano selbst damals die Dan-Grade nach oben hin nicht begrenzte. Es gibt „Kampfkunstverbände“, die bis 15.Dan verleihen. Mit den Dangraden des Judo haben diese Graduierungen nichts zu tun. Sie sind auch nicht vergleichbar

Die Graduierungen heute:

 Im Kyu-Bereich führte 1935 der in England am Londoner Budokwai lehrende Gunji Koizumi die farbigen Gürtelstufen, weiß, gelb, orange, grün, blau und braun für den 6.bis 1. Kyu ein.

Diese Farben verbreiteten sich sehr schnell in Europa und Amerika. Und das hatte auch kommerzielle Gründe. Es tat sich eine einträgliche Geldeinnahmequelle auf.

Für die Prüfung zu den einzelnen Kyu-Stufen  wird als Grundlage bei den Standtechniken die Gokyo-no-waza verwendet. In anderen Judoverbänden als im DDK, z.B. im DJB, wird eine seit 2009 gültige Prüfungsordnung gebraucht. Dort findet man auch die farbigen Zwischenstufen weiß-gelb, gelb-orange und  orange-grün. Im DDK ist es dem Trainer überlassen, ob er seine Judokas zu diesen Zwischenstufen antreten lässt oder nicht. Im DJB ist dies zwingend.  Es hat auch etwas für sich: Kinder kann man damit besser bei der Stange halten. Sie achten sehr auf die Stufen ihrer Graduierung und sind dadurch motiviert und stolz. Ein Plus für den Verein ist die zusätzliche Einnahmequelle.

 Andererseits können talentierte Kinder schneller höher graduiert werden, wenn man bei fünf zu prüfenden Kyu-Stufen bleibt.

Im Schwarzgurtbereich  hat sich seit Kanos Einführung der Dan-Grade nicht viel verändert.

Der schwarze Gürtel ist vom 1. bis 10.Dan geblieben. Großmeister-Dangrade ab 6. bis 8.Dan können den rotweißen Gürtel tragen, die Dangrade 9 und 10 tragen rote Gürtel. Wann rotweiß oder rot getragen wird, regeln besondere traditionelle Gepflogenheiten, d.h. ein 6.Dan trägt schwarz wenn er als Schüler auf der Matte steht und er trägt rotweiß wenn er als Lehrer fungiert. Die nachzuweisenden technischen Fertigkeiten und der Kenntnisstand zur ganzen Judo-bzw. Kampfkunstthematik der Dan-Grade sind in den einzelnen Prüfungsordnungen vom 1. bis 6. Dan (DDK) geregelt. Im DJB ist eine Prüfung z.Zt. zum 6.Dan nicht möglich.

Bisher wurde der 10.Dan-Grad national, international und vom Kodokan insgesamt 21 mal vergeben.

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Träger des 10. Dan sind: durch die IJF und nationale Verbände:

1997  von IJF Anton Geesink,   NL *1934-2010,

1999  von IJF Charles Palmer,  GB *1930-2001    

2007  von franz. JV Henry Courtine, F *1930 , (8. Dan 1985, 9. Dan 1994) 

2008  vom niederl. JV Jaap Nauwelaerts de Age, NL,  *1917

2010  von IJF George Kerr, GB,  *1937

Vom Kodokan verliehen, nur Japaner:

1935 Yoshiaki (Yoshitsugu) Yamashita, *1865-1935, 1893-5.Dan, 1898-6.Dan,1904-7.Dan,

                                                                      1920-8.Dan,1930-9.Dan, 1935-10.Dan

1937 Hajime Isogai, *1871-1947, 1900-5.Dan,1904-6.Dan, 1912-7.Dan, 1920-8.Dan, 1930-9.Dan, 1937-10.Dan

1937 Hidekazu  Shuichi Nagaoka, *1876-1952,  1899-5.Dan, 1904-6.Dan, 1912-7.Dan, 1920-8.Dan, 1930-9.Dan, 1937-10.Dan

1945 Kyuzo Mifune, *1883-1965, 1909-5.Dan, 1917-6.Dan, 1923-7.Dan, 1931-8.Dan,1937-9.Dan, 1945-10.Dan

1946 Kunisaburo Iizuka, * 1875-1958, 1901-5.Dan, 1908-6.Dan, 1916-7.Dan, 1922-8.Dan,1937-9.Dan, 1946-10.Dan

1948 Shotaro Tabata, *1884-1950, 1912-5.Dan, 1919-6.Dan, 1926-7.Dan, 1932-8.Dan, 1937-9.Dan, 1948-10.Dan

1948 Kaichiro Samura,  *1880-1964,  1908-5.Dan, 1913-6.Dan,1920-7.Dan, 1931-8.Dan,1937-9.Dan, 1948-01.Dan

1967 Kotaro Okano,*1885-1967, 1916-5.Dan, 1926-6.Dan, 1933-7.Dan, 1937-8.Dan, 1948-9.Dan, 1967-10.Dan

1969 Matsutaro Shoriki, *1885-1969, 1926-5.Dan, 6.Dan unbek.,1952-7.Dan, 8.Dan unbek.,1962-9.Dan, 1969-10.Dan

1977 Shozo Nakano, *1888-1977, 1918-5.Dan, 1926-6.Dan, 1933-7.Dan, 1937-8.Dan, 1948-9.Dan, 1977-10.Dan

1979 Tamio Kurihara, *1896-1979, 1922-5.Dan, 1928-6.Dan, 1937-7.Dan, 1948-8.Dan, 9.Dan unbek., 1979-10.Dan

1984 Sumiyuku Kotani, *1903-1991, 1927-5.Dan, 1932-6.Dan, 1937-7.Dan, 1945-8.Dan, 1969-9.Dan, 1984-10.Dan

2006  Toshiro Daigo, *1926, 5.-8.Dan unbek., 1992-9.Dan, 2006-10.Dan

2006 Ichiro Abe, * 1923, 5.-9.Dan unbek.

2006 Yoshimi Osawa, * 1927, 5.-9.Dan unbek.

Stand von 2010.

Höhere Dangrade (11;12 usw) wurden zumindest im Judo noch nie vergeben.

Quellenangabe:

Werner Lind, Budo,der geistige Weg der Kampfkünste

Klaus Hanelt, Taschenwörterbuch der Kampfkünste Japans

Toshiro Daigo, Wurftechniken des Kodokan Judo

Klaus Hanelt, Zur Geschichte des Judo in Japan bis zum Tode Kanos

Verfasst von Ulrich Pütz